ERZÄHLEN/ WORTSCHATZ

Allgemeine Einschätzungen zum Erzählen in der Grundschule:

 

Erzählen in der Grundschule fand im schulischen Alltag der vergangenen Jahre und Jahrzehnte nicht immer den Raum, welcher dieser bedeutsamen Schlüsselkompetenz von Schüler*innen zustand und bis heute zusteht.

 

In vielen Fällen wurden erzählerische Kompetenzen von Schüler*innen nur zu wenigen und oft immer gleichen Gelegenheiten überhaupt explizit eingefordert und gefördert (z.B. im Rahmen eines routiniert ablaufenden Montagmorgenkreises: „Was hast du am Wochenende gemacht?“).

Darüber hinaus galt das ungeschriebene Gesetz, dass Kinder, die sich nicht am aktiven Erzählen beteiligen wollten, dazu auch nicht gezwungen werden durften („Du möchtest nicht erzählen? Das musst du auch nicht. Vielleicht das nächste Mal. Gib den Erzählstein einfach weiter.“)

Auf diese Weise konnten sich Muster bilden, die dafür verantwortlich waren, dass einige Schüler*innen quasi niemals aktiv in schulische Erzählprozesse eingebunden waren.

 

Erzählen galt vielfach als kaum lohnenswertes Stiefkind, welches weder Raum noch intensiver Pflege bedarf.

Die leider per se knappe Unterrichtszeit wurde lieber in Felder gesteckt, die scheinbar substanzieller für das Erlernen der Kulturtechniken Lesen und Schreiben waren. Dabei wurde aber außer Acht gelassen, dass das Erzählen eine weitere wichtige Kulturtechnik darstellt, welche viele Kinder beim Eintritt in die Schule nur in Ansätzen gut ausgeprägt bis gar nicht beherrschen.

Seit einiger Zeit erlebt man indes ein Umschwenken in der schulischen Ausbildung von Erzählkompetenzen.

Ob aus den Gründen, dass inzwischen vermeintlich mehr Schüler*innen zu Schuleintritt schlechtere Grundvoraussetzungen in diesem Bereich mitbringen und deshalb mehr Förderung verlangen oder ob man (endlich) die weitreichenden Vorteile erkannt hat, welche sich für Schüler*innen mit hohen erzählerischen Kompetenzen auftun, mag an dieser Stelle nicht beurteilt werden.

Das konsequente Auftauchen des Themenfeldes in den Kerncurricula (Lehrplänen) der einzelnen Bundesländer mag ebenfalls seinen Teil dazu beigetragen haben.

Es darf aber davon ausgegangen werden, dass der Bereich „Erzählen in der Grundschule“ nun stärker in den Fokus von Lehrer*innen und Kollegien gerückt ist und sie zudem mit größerer Methodenvielfalt ansprechenden „Erzählunterricht“ bieten können.

 

 

Bedeutsamkeit des Erzählens:

 

Die Vorteile von hohen Erzählkompetenzen sind Gegenstand zahlreicher Untersuchungen, von denen an dieser Stelle einige wenige angeführt werden sollen:

 

- Die Erzählfähigkeit ist eine wichtige sprachliche Kompetenz, die Kinder üblicherweise im Elementar- und Primarbereich erwerben und die Einfluss auf die weitere schulische und soziale Entwicklung hat. (1)

- Erfolgreiches Erzählen kann als Basis für erfolgreiches Schreiben angesehen werden. Unserer Erfahrung nach wird eine gute Schreiberin/ ein guter Schreiber, wer auch eine gute Erzählerin/ ein guter Erzähler ist.

- Weiterhin "fördert die Erzählfähigkeit den allgemeinen Schulerfolg und reduziert schulische Probleme". (1)

 

Erzählen ist aber –im Gegensatz zur landläufigen Meinung- nichts, was jedes Kind schon von Vornherein mitbringt, was sich in zauberhafter Weise plötzlich von selbst entfaltet oder bei dem sich Defizite mit der Zeit verwachsen.

 

Erzählen vereint wichtige thematische Felder des Deutschunterrichts wie Planung und Struktur, Wortschatz, Grammatik, Vortrag, Einfühlung in die/ den Zuhörer*innen etc. und stellt für Schüler*innen ohne und mit Migrationshintergrund gleichermaßen einen interessanten und mitunter spannenden Unterrichtsgegenstand dar.

 

 

Um spezifischen Schul- und Lernproblemen eines Kindes bestmöglich passgenaue Angebote zur Förderung zu unterbreiten, haben wir versucht einzelnen problematischen Bereichen rund um das Erzählen möglichst zugeschnittene Fördertipps an die Hand zu geben.

 

Ein Bereich, den wir nun in den Vordergrund rücken möchten, ist der des Wortschatzes:

- Besitzt ein Kind einen angemessenen Wortschatz, eine ausreichende Auswahl an Wörtern, um adäquat zu erzählen, sich auszudrücken?

- Was tun, sollte dem nicht der Fall sein?

- Nutzt die Schülerin/ der Schüler beim Erzählen dem Thema angemessene Wörter, Begriffe, Floskeln etc.?

- Kann das Kind mit bestimmten Wörtern z.B. passenden Adjektiven (Wiewörtern) oder Ausdrücken Emotionen bei den Zuhörer*innen wecken?

- Entspricht der Wortschatz auch tatsächlich der Stimmung des Erzählten?

- Kann der eigene Wortschatz sogar der jeweiligen Zuhörerin/ dem jeweiligen Zuhörer angepasst werden?

Es geht nicht darum, Schüler*innen einen 250 Jahre alten Goethe mit einem mutmaßlichen Wortschatz von damals schon rund 90.000 Wörtern (vgl. 2) anzupreisen.

Es geht auch nicht darum sich an heute relevanten Zahlen, so zum Beispiel des Dudens, zu orientieren:

„Im Allgemeinen setzt man den Wortschatz der deutschen Gegenwartssprache auf zwischen 300 000 und 350 000 Wörter (Grundformen) an. Der aktive Wortschatz eines deutschen Durchschnittssprechers wird heute auf 12 000 bis 16 000 Wörter (davon etwa 3 500 Fremdwörter) geschätzt. Ohne Schwierigkeiten verstanden werden mindestens 50 000 Wörter.“ (3)

 

 

Es geht darum Schüler*innen ein Handwerkszeug zu bieten bzw. dieses zu erarbeiten, damit ihnen ein hochwertiges, unterhaltsames, situationsangemessenes Erzählen inner- und außerhalb der Schule ermöglicht wird.

Um die Basis für ein schriftliches Erzählen zu legen.

Um Anforderungen des schulischen Unterrichts und vielfältiger Lebensbereiche zu erfüllen.

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Quellennachweis:

(1) https://www.uni-potsdam.de/fileadmin/projects/inklusion/PDFs/ZEIF-Blog/Gerlach_2016_Erzaehlfaehigkeit.pdf

(2) https://de.wikipedia.org/wiki/Goethe-W%C3%B6rterbuch

(3) https://www.duden.de/sprachwissen/sprachratgeber/Zum-Umfang-des-deutschen-Wortschatzes

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